"Ehe zu viert" – Amaryllis Quartett im Gespräch mit Gabriele Luster
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Gabriele Luster: Im Quartett musizieren gehört zu den Königsdisziplinen der Musik. Es ist das ganz Große im Kleinen. Empfinden Sie das auch so?
Frielinghaus: Es ist ein Privileg, dass wir das machen können und dass wir als Quartett so weit gekommen sind, dass wir inzwischen davon leben können. Das war immer mein Traum.
Eckels: Wir haben uns ja ganz bewusst für diesen Berufsweg entschieden, weil das Streichquartett-Spiel für uns das Kostbarste ist. Wir musizieren immer wieder mal gerne parallel auch im Orchester, aber hauptberuflich sollte es das Quartett-Spiel sein.
Sandoz: Im Vergleich zu anderen Kammermusikbesetzungen ist die Literatur für Quartett sehr umfangreich. Jeder Komponist hat in dieser Gattung sein Bestes gegeben und dadurch haben wir eine unglaubliche Fülle vor uns…
Frielinghaus: … und immer das Problem, was wir spielen sollen, weil es so viele wunderbare Werke gibt.
GL: Seit wann spielen Sie zusammen?
Frielinghaus: In dieser Besetzung seit 2006.
GL: Wie sind Sie denn auf den Namen Amaryllis Quartett gekommen? Das ist doch eine Pflanze, die immer zur Weihnachtszeit blüht…
Frielinghaus (lacht): Wir haben uns auch zur Weihnachtszeit gegründet. Außerdem sollte es ein Name sein, der zu uns passt und uns programmatisch nicht festlegt, weil wir frei sein wollten. Er sollte schön klingen, was bei einer klingenden Gruppe wichtig ist…
Sandoz:… auch in unterschiedlichen Sprachen…
Frielinghaus: Und dann sahen wir die Amaryllis: Vier Blüten und ein Stängel, also eine gemeinsame Idee und vier Individuen – das fanden wir, ist doch ein schönes, treffendes Bild.
GL: Verraten Sie uns ein bisschen über die „Geburt“ Ihres Quartetts. Haben Sie sich im Studium schon getroffen?
Frielinghaus: Ja, an den Hochschulen in Basel, Freiburg und Lübeck.
GL: Wie finden sich vier Musiker und wie merken sie, dass sie zusammen passen?
Eckels: Das ist ein Prozess, der eine Weile dauert. Der Enthusiasmus ist ja zu Beginn des gemeinsamen Kammermusikmachens immer groß. Aber wir haben von Anfang an gemerkt, dass das gemeinsame Proben wunderbar funktioniert, dass wir uns menschlich auch verstehen und dass das über längere Zeit gut ging. Das ist ja nicht selbstverständlich.
Frielinghaus: Das kann man letztlich nur ausprobieren und sich dann freuen, wenn es klappt. Lena Eckels ist ja als letztes Mitglied zu uns gekommen, wir hatten vorher schon einige Bratschisten ausprobiert. Aber nicht jeder Musiker ist auch bereit, sich auf das Projekt Quartett einzulassen.
GL: In einem Quartett kommt man sich ja viel näher als in größeren Formationen, es ist ja fast familiär…
Eckels (lacht): Ehe zu viert wird es ja auch genannt…
GL: Ehen zu zweit sind ja oft schon schwierig. Muss bei Ihnen über die Musik hinaus die Chemie stimmen?
Wirth: Toleranz ist wichtig. Man muss den anderen sein lassen, wie er ist. Dann lernt man auch, die Gelegenheiten zu nutzen, in denen man nicht unbedingt zusammen sein muss - . etwa bei einer Zugfahrt nicht zusammen zu sitzen. Man lernt, sich gegenseitig Freiräume zu gewähren.
GL: Wie gestaltet sich Ihr Repertoire? Wo fangen Sie an, wo hören Sie auf und gibt es Schwerpunkte?
Frielinghaus: Wir fangen da an, wo es mit dem Streichquartett losgeht – bei Haydn – so auch auf unserer neuen CD. Die Wiener Klassik und vor allem Haydn, der immer wieder Überraschungen parat und mit viel Humor komponiert hat, interessiert uns sehr. Von Haydn lernen wir natürlich immer noch neue Werke kennen. Es wird ja noch eine Weile dauern, bis wir sie alle einstudiert haben.
Außerdem versuchen wir, in unseren Programmen immer Kontraste herzustellen: Dabei setzen wir einen Schwerpunkt auf der Zweiten Wiener Schule. Übrigens auch auf der CD, wo wir Haydn und Webern kombinieren. Wir spielen natürlich auch ganz moderne Stücke und fahnden nach unbekannten.
GL: Sie sind unterschiedliche Charaktere, vielleicht sogar sehr unterschiedliche Temperamente, müssen aber, wenn es ernst wird, gemeinsam auf den Punkt kommen. Das ist sicher nicht einfach…
Eckels: Wir holen uns manchmal Hilfe, einen neutralen Zuhörer: Ein Aufnahmegerät. Das funktioniert. Wir können prüfen, ob das, was wir uns vorgestellt haben schlüssig ist und ob wir es auch so spielen, wie es uns vorschwebte. Natürlich ist es auch wichtig, hin und wieder einem Fachmann, einem Lehrer unseres Vertrauens vorzuspielen.
GL: Wie kombinieren Sie Erste und Zweite Wiener Schule? Wählen Sie beliebig aus oder gibt es da eine Dramaturgie? Warum koppeln Sie auf Ihrer gerade erschienenen CD die beiden Haydn Quartette F-Dur op. 50 (Der Traum) und g-Moll op.74 (Der Reiter) mit Anton Weberns Fünf Sätzen op.5?
Sandoz: Das ist immer eine sehr persönliche, individuelle Entscheidung. Aber wir glauben, dass Haydn und Webern besonders gut harmonieren: Beide gehen aus von einer gewissen Klarheit sowohl im Aufbau wie in der Durchsichtigkeit der Stücke. Vielleicht würden wir Beethoven eher mit Berg kombinieren…
Wirth: Durch unseren Lehrer Walter Levin haben wir einen sehr direkten Zugang zur Zweiten Wiener Schule bekommen. Er verfügt über eine enorme Erfahrung aus seiner Zeit im LaSalle Quartett und kann sein Wissen hervorragend und sehr lebendig vermitteln. Vielleicht ist unsere neue CD auch eine Hommage an Walter Levin.
GL: Haben Sie Kontakt zu Komponisten, wurden schon Stücke für Sie geschrieben?
Wirth: Ja, es kommen zuweilen Komponisten auf uns zu und fragen, ob wir Werke von ihnen spielen oder auch uraufführen wollen. Wir haben aber auch schon mehrfach Komponisten, die wir schätzen, gebeten, etwas für uns zu schreiben. Als nächstes steht eine Uraufführung von Johannes Fischer an, ein Werk für Streichquartett und Schlagzeug, das wir mit ihm zusammen in Hamburg präsentieren werden. Kürzlich führten wir ein Klarinetten-Quintett von Fabio Nieder in Schwetzingen zum ersten Mal auf. Haydn und Beethoven können wir nichts mehr fragen, deshalb ist es so reizvoll, mit lebenden Komponisten zusammen zu arbeiten. Wie auch mit der Chinesin Lin Yang. Das Werk veränderte sich noch während der Proben.
GL: Bei der Suche nach Unbekanntem entdeckten Sie einen Bartók-Schüler. Wie kam es dazu?
Frielinghaus: Ein befreundeter Musiker aus Hamburg machte uns auf Géza Frid aufmerksam und stellte auch den Kontakt zu dessen Sohn her. Wir probierten ein Quartett aus und waren von Frids Musik sehr begeistert. Auf einer CD haben wir vier seiner Quartette eingespielt und musizieren seine Werke auch immer wieder in Konzerten. Die Stücke kommen beim Publikum sehr gut an…
Eckels:…und die Zuhörer wundern sich, dass Frid so unbekannt ist, obwohl seine Musik so unmittelbar anspricht. Den Lehrer Bartók hört man schon durch, dennoch hat Frid seine ganz eigene Tonsprache entwickelt.
GL: Arbeiten Sie überhaupt noch mit einem Lehrer zusammen und wer ist das?
Eckels: Im Moment Günter Pichler vom Alban Berg Quartett.
Frielinghaus: Wir hatten in den vergangenen beiden Jahren noch ein Stipendium bei Günter Pichler in Madrid. Zuvor studierten wir ja in Köln beim gesamten Alban Berg Quartett.
GL: Sie deuteten es schon an, Sie haben Ihre eigenen Konzertreihen…
Frielinghaus: Wir haben seit einigen Jahren in der Schweiz, in Solothurn, eine eigene Reihe und auch eine in Hamburg. Bei beiden werden wir mittlerweile von Freundesvereinen organisatorisch und finanziell unterstützt. Für uns war es wichtig, programmatische Freiheit zu haben, Neues und Unbekanntes zu spielen und auch selbst zu entscheiden, mit welchen Kollegen wir zusammen spielen. Vor einem Jahr starteten wir auch eine Reihe in Lübeck.
Wirth: Wir versuchen bei diesen jeweils zwei Konzerten pro Stadt das Programm interessant zu gestalten und haben meistens eine Uraufführung dabei. In Hamburg und Lübeck haben wir auch Musik mit Lyrik kombiniert. Im Idealfall tragen beide künstlerischen Ausdrucksformen zum Verständnis der jeweils anderen bei.
GL: Gibt es für Sie vier noch die Möglichkeit, einzeln oder in anderen Formationen aufzutreten?
Frielinghaus: Ja, wir gehen fremd…
Eckels: Es ist sehr wichtig für uns, dass wir auch solistisch dran bleiben, dass wir uns weiter entwickeln, anders gefordert werden - zum Beispiel in einem Sonatenabend. Und es ist auch spannend, mit anderen Kollegen zusammen zu musizieren. Oft gewinnt man einen neuen Blick auf das eigene Ensemble und kann die eigene Gruppe belebter wahrnehmen.
GL: Wie viele Konzerte gibt das Amaryllis Quartett pro Jahr?
Frielinghaus: Im vergangenen halben Jahr waren es 54. Normalerweise sind es 70 im ganzen Jahr.
GL: Gastieren Sie auch im Ausland?
Wirth: Die nächste größere Tournee führt uns im Juni 2012 nach Japan. Das ist auch ein Resultat der beiden großen Wettbewerbe: Beim 6. International Chamber Music Competition in Melbourne gewannen wir den Ersten Preis und den Grand Prize und beim Premio Paolo Borciani in Italien erhielten wir den Finalistenpreis.
Frielinghaus: Nach dem Borciani-Wettbewerb wurden wir zu einer Italien-Tour eingeladen und werden dort in vielen Städten gastieren.
GL: Wie sehen Ihre programmatischen Zukunftspläne aus – abgesehen davon, dass alle Haydn Quartette dran kommen sollen?
Sandoz: Auch alle Beethoven Quartette…
Eckels: Wir werden unsere Fühler noch einmal nach China und Spanien ausstrecken. In Hamburg bringen wir demnächst zwei Werke zur Uraufführung: Eines von dem spanischen Komponisten Fabián Panisello und eines von Xiaoyong Chen.
GL: Ist es aufregender und vielleicht schwieriger ein Werk sozusagen aus der Taufe zu heben oder ein bestens bekanntes zu interpretieren?
Wirth: Es ist auf jeden Fall ein ganz anderes Arbeiten mit diesen neuen Stücken. Man geht einerseits hilflos, aber auch unvoreingenommen an die Sache ran und entdeckt das Werk ganz neu für sich. Beim klassischen Repertoire erklärt sich eben vieles aus der Tradition. Ich finde beide Arbeitsweisen sehr spannend.
Eckels: Manchmal erschließt sich ein Stück schlagartig neu, wenn man den Komponisten dann kennenlernt. Bei der chinesischen Komponisten verstanden wir plötzlich, warum das Werk so voller feiner Nuancen ist: Nämlich weil sie selbst eine sehr zarte, filigrane, aufmerksame, stille Person ist.
Sandoz: Oft sind neue Stücke am Anfang schwieriger zu erarbeiten als klassische. Aber beim Spielen im Konzert ist es dann eher umgekehrt. Denn Quartette von Mozart, Beethoven, Bartók oder Berg bleiben immer schwer. Aber das Neue zu lernen, ist schwieriger…

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