Claude Debussy
„La Mer“
Drei sinfonische Skizzen

Über die langwierige Entstehung von Claude Debussys Orchesterwerk „La Mer“ sind wir durch Briefe des Komponisten an seinen Verleger Jacques Durand ausführlich unterrichtet. bevor er sich diesem Orchesterwerk widmete, hatte er das Bühnenwerk „Pelléas et Mélisande“ vollendet – auch dies keine gewöhnliche Oper, da die Dramatik einer Handlung gewissermaßen nach innen verlagert wird. Am 12. September 1903 teilte Debussy Jacques Durand mit:

„Mein lieber Freund... Was würden Sie hierzu sagen: La Mer Drei symphonische Skizzen für Orchester. I – Das schöne Meer bei den Sanguinaire-Inseln, II – Spiel der Wellen, III – Der Wind lässt das Meer tanzen. Daran arbeite ich nach unzähligen Erinnerungen und versuche es hier zu beenden...“

Nun begann sich die Arbeit jedoch über lange Zeit hinzuziehen. Übrigens konzipierte der Komponist sein Werk auch nicht an der Küste, aber er vermochte seinen Kollegen André Messager zu beruhigen: „Sie wissen vielleicht nicht, dass ich der schönen Laufbahn eines Seemanns bestimmt war, und dass nur die Zufälle des Lebens mich davon abgebracht haben. Nichtsdestoweniger habe ich Ihm [dem Meer] eine aufrichtige Leidenschaft bewahrt. Nun werden Sie mir sagen, dass die Weinberge der Bourgogne nicht gerade vom Ozean umspült werden...! Und dass das Ganze womöglich den im Atelier entstandenen Landschaftsbildern ähneln könnte! Aber ich habe unzählige Erinnerungen; das ist meiner Meinung nach mehr wert als eine Realität, deren Zauber in der Regel die Gedanken zu schwer belastet.“ Dann aber änderte Debussy die Satztitel noch verallgemeinernd um und arbeitete 1904 auf der kanalinsel Jersey und dem französischen Seebad Dieppe schließlich doch noch unmittelbar am Meer an der Instrumentierung. Im März 1905 lag die Partitur von „La Mer“ endlich vollständig vor.

Mit „La Mer“ gelang Debussy der kühne Kunstgriff, sich einerseits an die Form der Symphonie anzulehnen und sich andererseits sofort wieder hiervon zu entfernen. Treffend beurteilt Debussys Biograph Jean Barraqué dieses Verfahren: „Trotz seines betörenden klanglichen Glanzes ist es ein schwieriges Wagnis, auf analytischem Wege an das Werk heranzukommen. Um es zu erklären, muss man faktisch die gewohnten Methoden der klassischen Analyse aufgeben. Es ist, als ob Debussy mit La Mer die musikalische Technik neu erfunden habe, weniger im Bereich der Satzkunst, die im ganzen ziemlich traditionsgebunden geblieben ist, als in der Konzeption der dialektischen Organisation und der klanglichen Entwicklung. Die Musik wird hier zu einem geheimnisvollen, rätselhaften Universum, das sich aus sich selbst erzeugt und wieder zerstört. Man wird darin sogar eine Projektion des Vertikalen auf das Horizontale entdecken, die bisher nur ein Faktum der seriellen Anordnung zu sein schien.

In allen großen Abschnitten der Musikgeschichte tritt das Problem der Entwicklung auf. Angesichts der Notwendigkeit, das einmal gewählte Material fortschreiten zu lassen, haben sich die Komponisten seit Beethoven vor allem die Aufgabe gestellt, ihr Werk möglichst von jedem idealen Archetypus fernzuhalten. Mit La Mer hat Debussy wirklich ein Entwicklungsverfahren erfunden, in dem die ursprünglichen Begriffe von Exposition und Durchführung unaufhörlich sprudelnd nebeneinander existieren, wodurch das Werk sich irgendwie selbst antreibt, ohne die Hilfe eines verbindlichen Modells.“

In den drei Sätzen „Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer“, „Spiel der Wellen“ und „Gespräch von Wind und Meer“ stellt Claude Debussy thematische Gebilde von unterschiedlicher Prägnanz vor. Chromatisch fließende Bildungen tauchen auf, und neben wellenartigen Figuren besitzen andere Themen signalhafte Wirkungen. Im scherzohaften zweiten Satz tauchen die meisten a-thematischen, in flirrende Klänge übertragenen Gebilde auf, und im Finalsatz ist der Gegensatz der chromatischen „Wind“- und diatonischen „Wellen“-Motive nicht zu verkennen. Der erste und der dritte Satz gipfeln in einen strahlenden Choral, den der Komponist und Dirigent Pierre Boulez als „springenden Punkt“ bezeichnet hat. Hier tritt die größte Verfestigung auf, hier ereignet sich gewissermaßen eine Apotheose der Musik selbst.

Zuletzt sei die Frage angesprochen, ob es sich bei „La Mer“ in erster Linie um eine symphonische Komposition oder um Programmmusik handelt. Denn auch Kritiker hat Debussy viele gefunden. So urteilte der Komponist Paul Dukas: „Die einen finden das Meer nicht wieder, die anderen die Musik.“ Das Urteil des Musikkritikers Pierre Lalo hatte den Komponisten übrigens besonders getroffen: „Das Meer höre ich nicht, sehe ich nicht und spüre ich nicht.“ Nun steht „La Mer“ fraglos in der Tradition von Berlioz Programmsymphonien, und musikalische Naturschilderungen gibt es auch bei Beethoven („Pastorale“) und Liszt („Was man auf dem Berge hört“). allerdings verweigert Debussy, der schon den programmatischen Tondichtungen eines Richard Strauss skeptisch gegenüberstand, konkrete illustrierende Anmerkungen (wie auch bei der Ausarbeitung die Titel der Sätze immer allgemeiner werden). 1903 notierte Debussy: „Die Musik ist eine geheimnisvolle Mathematik, deren Elemente am Unendlichen teilhaben. Sie ist verantwortlich für die Bewegung der Wasser, das Spiel der Kurven, die die wechselnden Winde beschreiben; es gibt nichts Musikalischeres als einen Sonnenuntergang.“ Und wie schon Paul Cézanne sagte: „Ich habe die Natur kopieren wollen; es gelang mir nicht, von welcher Seite ich sie auch nahm“, so ließ Debussy sich lediglich von der Natur inspirieren. Auf diese Weise will Debussys Musik eher Bild als Abbild sein, oder mit den Worten Ludwig van Beethovens: „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“.

Michael Tegethoff

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Duisburger Philharmoniker spielen Debussy & Stravinsky

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