Ein Ärgernis verschafft Aufmerksamkeit. Jedenfalls kann ein Ereignis oder ein Gegenstand durch leidenschaftlich geführte Diskussionen und heftige Verurteilungen viel mehr Beachtung gewinnen als durch jede Form gepflegter Anerkennung. Und bestätigt es sich, dass nach dem Abklingen erregter Debatten doch nicht alles nur Provokation gewesen ist, wenn nämlich unter der Oberfläche die Qualität des inneren Kerns erkannt wird, dann ist der sich anschließende Siegeszug oft vorprogrammiert. So wurde manches Werk, das anfangs seiner Zeit voraus gewesen ist, später zum Klassiker.
Unter diesem Aspekt waren die Perspektiven für Igor Stravinskys „Le sacre du Printemps“ günstig, denn die von dem Dirigenten Pierre Monteux geleitete Uraufführung des Balletts am 29. Mai 1913 im Pariser Théâtre des Champs-Elysées entwickelte sich zu einem der größten Skandale der Musikgeschichte. Der Komponist Igor Stravinsky war Augen- und Ohrenzeuge dieses Eklats: „Wegen der Schwierigkeiten meiner Partitur hatten sehr viele Proben stattfinden müssen; Monteux hatte sie mit der Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit geleitet, die ihm eigen ist. Über die Aufführung der Pantomime kann ich unmöglich urteilen, denn ich habe den Zuschauerraum verlassen, als bei den ersten Takten des Vorspiels sogleich Gelächter und spöttische Zurufe erschollen. Ich war empört. Die Kundgebungen, am Anfang noch vereinzelt, wurden bald allgemein. Sie riefen Gegenkundgebungen hervor, und so entstand sehr schnell ein fürchterlicher Lärm.“
Obwohl der Komponist vor allem den Choreographen Waslaw Nijinskij für den Misserfolg verantwortlich machen wollte („Die einfachsten musikalischen Regeln waren ihm unbekannt. Der arme Kerl konnte weder Noten lesen, noch irgendein Instrument spielen.“), waren es doch – angefangen von den ersten Tönen des exponiert hohen eröffnenden Fagottsolos – die neuartigen Klänge und die brillante Handhabung der Rhythmen, die das Publikum verstörten. Allerdings war ein Misserfolg dieses Ausmaßes auch nicht zu erwarten gewesen, denn die Generalprobe verlief merkwürdig ruhig und unauffällig. Da waren laut Auskunft des Komponisten aber vor allem Künstler, Maler, Musiker, Schriftsteller und die „kultiviertesten Mitglieder der Gesellschaft“ anwesend. Und schon bei der ersten konzertanten Aufführung im August 1914 in Paris wurde die bahnbrechende Bedeutung des Werkes erkannt: „Le sacre du Printemps“ wurde zu einem Klassiker der Moderne, der seinen herausfordernden Charakter nicht verloren hat, jedoch zahlreiche Möglichkeiten klanglicher und rhythmischer Neuerungen in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts in sich birgt.
Als „Le sacre du Printemps“ uraufgeführt wurde, war der Komponist Igor Stravinsky 31 Jahre alt, und er konnte den mit den Balletten „Der Feuervogel“ und „Petruschka“ eingeleiteten internationalen Siegeszug fortsetzen. Die Uraufführungen dieser drei Werke fanden in dichter Folge in den Jahren 1910, 1911 und 1913 statt. 1910 war Stravinsky noch mit seinem Balletterstling „Der Feuervogel“ beschäftigt, als ihm bei der Vision einer heidnischen Feier die Idee zu einem weiteren Tanzstück kam. In seiner Chronik beschrieb Stravinsky das Sujet folgendermaßen: „Alte Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todeskampf eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen. Es war das Thema des Sacre du Printemps.“ Jedoch hatte der Komponist gewissermaßen Angst vor der eigenen Courage, und nach dem „Feuervogel“ schrieb er zunächst „Petruschka“. Erst danach folgte „Le sacre du Printemps“, wobei der Komponist sich an den Librettoentwurf hielt, den er gemeinsam mit dem Bühnenbildner und Mythenkundler Nikolaus Roerich ausgearbeitet hatte:
„Le Sacre du Printemps ist ein musikalisch-choreographisches Werk. Es sind Bilder aus dem heidnischen Russland, innerlich zusammengehalten von einer Hauptidee: dem Geheimnis des großen Impulses der schöpferischen Kräfte des Frühlings. Es gibt keine Handlung, aber folgende choreographische Sukzession:
Teil I: Der Kuss der Erde (später von dem Komponisten „Die Anbetung der Erde“ genannt). Man feiert das Frühlingsfest. Es findet auf den Hügeln statt. Man bläst auf Flöten. Junge Männer wahrsagen. Bei ihnen ist eine alte Frau. Ihr sind die Geheimnisse der Natur bekannt – sie lehrt, wie man weissagt. Junge Mädchen, die Gesichter bemalt, kommen in einer Reihe vom Fluss her. Sie tanzen den Frühlingstanz. Die Spiele beginnen. Das Spiel der Brautentführung. Man führt den Frühlingsreigen auf. Man teilt sich in zwei Lager. Ein Lager geht auf das andere zu. Keilförmig dringt in die Frühlingsspiele die heilige Prozession der weisen alten Männer ein. Der älteste und weiseste Greis bricht das Spiel ab. Unter Zittern erwartet man die große Handlung der Greise, die Segnung der Frühlingserde. Der Kuss der Erde. Man tanzt auf der Erde. Durch den leidenschaftlichen Tanz heiligt man die Erde. Im Tanz wird man eins mit der Erde.
Teil II: Das große Opfer. In der Nacht halten die Jungfrauen geheimnisvolle Spiele ab. Herumgehen in Kreisen. Eine ist als Opfer ausersehen. Das Schicksal bestimmt sie zweimal. Zweimal wird sie in den ausweglosen Kreis eingefangen. Die Jungfrauen ehren die Auserwählte mit einem stürmischen Tanz. Sie rufen die Vorfahren an. Sie übergeben die Auserwählte den weisen alten Männern. In Gegenwart der Alten opfert sie sich im großen, heiligen Tanz, das große Opfer wird ausgeführt.“
Die Besonderheiten von „Le sacre du Printemps“ lassen sich am einfachsten durch den Vergleich mit den beiden älteren Balletten erklären. Während „Der Feuervogel“ deutlich vom französischen Impressionismus beeinflusst ist, wirkt „Petruschka“ bei vielfacher Verwendung von originalen Volksliedern oder Tänzen deutlich „russischer“. Der chromatischen Tonsprache des „Feuervogels“ ist hier eine bitonale Harmonik gegenübergestellt, was nichts anderes bedeutet als eine gleichzeitige Überlagerung zweier Tonarten. „Le sacre du Printemps“ gewinnt dagegen einen noch radikaleren Charakter, etwa durch ständige komplizierte Taktwechsel oder durch Umakzentuierungen, mit denen vertraute Gleise aufgebrochen werden. Doch der Reiz der „Sacre“-Partitur ist dadurch noch nicht erschöpft, dass kurze Motive, die oft einen folkloristischen Ursprung haben, eine Entfesselung des Rhythmus bewirken. Hinzu kommt, dass sich durch ungewöhnliche Spieltechniken eine bis dahin ungeahnte Klanglichkeit einstellt und das Geräusch einbezieht. Sicherlich mag man diesbezüglich auf den großen Anteil von Schlaginstrumenten verweisen. Aber dies allein wäre für die Zeit noch nicht einmal untypisch. Ungewöhnlich ist vielmehr, dass Stravinsky auch die übrigen Instrumente perkussiv behandelt, etwa kurz nach Beginn die Streicher bei den hartnäckig wiederkehrenden Schlagfolgen im „Tanz der jungen Mädchen“.
Während Igor Stravinsky seine Ballette „Der Feuervogel“ und „Petruschka“ neu für den Konzertsaal einrichtete, ließ er die Partitur von „Le sacre du Printemps“ ohne Umänderungen für konzertante Aufführungen gelten. Das ist insofern nicht verwunderlich, als die für das klassische Ballett typischen Wechsel des großen Corps de ballet mit solo oder Pas des deux hier weitgehend fehlen. Seitdem garantiert die Radikalität der Tonsprache bei jeder Aufführung ein faszinierendes Hörabenteuer.
Michael Tegethoff

PR-Agentur Virginia Tutila
exclusive public relations
Krenkelstr. 22, 01309 Dresden
virginia@tutila.de
www.duisburger-philharmoniker.de