Gustav Mahler (1860-1911)
Symphonie Nr. 5 cis-Moll (1901-1903)
Duisburger Philharmoniker
Dirigent: Jonathan Darlington
ACOUSENSE records ACO-CD 21811 (Vertrieb: Gebhardt Musikvertrieb)
Mit seiner fünften Symphonie begann Gustav Mahler einen Neuanfang. Er kehrte wieder zur Instrumentalsymphonie zurück, und er verzichtete nun auf jegliche inhaltliche Beschreibungen. Der fünften Symphonie waren die vier „Wunderhorn-Symphonien“ vorausgegangen. Texte aus Achim von Arnims und Clemens Brentanos Gedichtsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ – teilweise neben weiteren Versen – fanden Eingang in die zweite, dritte und vierte Symphonie. Die erste Symphonie ist zwar eine reine Instrumentalkomposition, doch zitiert Mahler hier aus seinen „Liedern eines fahrenden Gesellen“. Die Verse hierzu hatte der Komponist selbst geschrieben, und er orientierte sich dabei an jenem volksliedhaften Tonfall, wie er auch in der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ vorzufinden ist. Gustav Mahlers Symphonien stellen einen beispiellosen Kosmos dar. Die Wahrnehmung dieses Komponisten ist allumfassend, sie ist manchmal klein und schlicht oder humorvoll, aber auch grandios oder gespenstisch, drohend und unheilvoll. Auch ironische Brechungen spielen hinein: In einzigartiger Weise erfasst Gustav Mahlers Musik den Geist des Fin de Siècle mit seiner verfeinerten Kultur einerseits, mit seiner unheilvollen Erwartungshaltung andererseits. Bislang war es völlig ungewöhnlich, schlichte liedhafte Eingebungen in die große Form der Symphonie aufzunehmen, und auch das „Adagietto“ der fünften Symphonie stellt eine Rücknahme dar, die der Erklärung bedarf. Die „Fünfte“ steht am Beginn einer Gruppe von drei reinen Instrumentalsymphonien, denn erst mit der achten Symphonie, der „Symphonie der Tausend“, und dem „Lied von der Erde“ werden – nun unter abermals gewandelten Bedingungen – wieder Stimmen einbezogen.
Gustav Mahlers fünfte Symphonie gilt als Beispiel „absoluter“ Musik, jedenfalls ist für dieses Werk kein außermusikalisches Programm überliefert. Jedoch handelt es sich hier wie bei allen bedeutenden Werken dieses Komponisten um Bekenntnismusik. Auch hier beleuchtet Mahler existenzielle Fragen, die Symphonie weitet sich zu einem umspannenden Kosmos aus, obwohl eindeutige Zuordnungen unbenannt bleiben. Somit liegt ein vielschichtiges Werk vor, dessen Deutungsmöglichkeiten eben nicht durch irgendwelche andeutende Beschreibungen eingeschränkt werden. Dennoch finden sich Indizien für eine derartige Vielschichtigkeit. Da gibt es Topoi wie Anlehnungen an das Volkslied und das Kinderlied, an den Choral und den Marsch. Außerdem ist es bezeichnend, dass Mahler hier einen ungewöhnlichen Weg einschlägt, denn der lastende Trauermarsch steht nun ganz am Beginn der Komposition. Zweifellos ist der Trauermarsch ein bevorzugtes Idiom bei Gustav Mahler, denn Trauermärsche oder trauermarschähnliche Bildungen finden sich unter anderem auch in der ersten Symphonie und am Beginn der „Auferstehungs-Symphonie“. So durchmisst die fünfte Symphonie die zahlreichen Stationen zwischen Tod, Erstarrung und lastender Schwere bis zur übermütigen Fröhlichkeit des Rondo-Finalsatzes. Und auch die Zusammenfassung der fünf Sätze in drei Abteilungen, die Zusammengehörigkeiten und übergreifenden Züge geben zu denken.
Entstehung
Gustav Mahlers fünfte Symphonie entstand in den Jahren 1901 bis 1903. Mahler war seit 1897 Direktor der Wiener Hofoper, Zeit zum Komponieren war äußerst knapp bemessen und blieb praktisch auf die Theaterferien der Sommermonate beschränkt – eine Situation, die dem Komponisten schon von seinen früheren beruflichen Stationen vertraut war. Allerdings war Mahler nun in der Lage, die Ferien in der eigenen Villa in Maiernigg am Südufer des Wörthersees in Kärnten verbringen zu können. Muße zum Komponieren fand er in dem nahegelegenen und denkbar schlicht ausgestatteten „Komponierhäuschen“, das bis 1907 der einzige Ort für diese musikalische Betätigung blieb.
Im Sommer des Jahres 1901 begann Gustav Mahler mit der Komposition des Liedes „Der Tambourg’ sell“ und der „Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert“, ebenfalls auf Texte von Friedrich Rückert schrieb er die ersten der „Kindertotenlieder“. Von der kleinen Form wandte er sich anschließend der Symphonie zu. Über den Entstehungsverlauf der fünften Symphonie sind wir zunächst durch Natalie Bauer-Lechner (1858-1921) informiert. Die Geigerin, Bratscherin und Pädagogin hielt seit 1893 ihre Erinnerungen an Gustav Mahler in einem Tagebuch fest. Offenbar wurde zunächst das Scherzo der Symphonie entworfen, von diesem dritten Satz aus spannte Mahler wohl das Netz vom Trauermarschbeginn bis zum Rondo-Finale. Und noch etwas ist bemerkenswert, denn die fünfsätzige „Fünfte“ wurde zunächst viersätzig entworfen. Dies wird durch Natalie Bauer-Lechner bezeugt, die den Komponisten folgendermaßen zitiert: „Es bedarf nicht des Wortes, alles ist rein musikalisch gesagt. Es wird auch eine regelrechte Symphonie in vier Sätzen, deren jeder für sich besteht und abgeschlossen ist und die nur in der verwandten Stimmung verbunden sind.“
Dann aber fand im November 1901 die folgenreiche Begegnung mit Alma Schindler (1879-1964) statt. Mahler verlobte sich mit ihr, am 9. März 1902 war die Hochzeit. Der Komponist änderte sein Leben nun grundlegend. Der Kontakt mit Natalie Bauer-Lechner wurde abgebrochen, weitere Freundschaften spielten nun keine Rolle mehr und rissen ab. Sogar die im Entstehen begriffene Symphonie Nr. 5 blieb von Mahlers Verlobung und Eheschließung nicht unbeeinflusst. Ende des Jahres 1901 lagen die drei ersten Sätze mehr oder weniger vollständig vor, doch im folgenden Jahr wurde die Symphonie durch die Einfügung des Adagietto-Satzes zur Fünfsätzigkeit erweitert. Der niederländische Dirigent Willem Mengelberg (1871-1951), einer der frühesten Bewunderer der Musik Gustav Mahlers, bemerkt über den zart-filigranen Satz für Streicher und Harfe: „Dieses Adagietto war Gustav Mahlers Liebeserklärung an Alma! Statt eines Briefes sandte er ihr dieses im Manuskript; weiter kein Wort dazu. Sie hat es verstanden und schrieb ihm: er solle kommen!!!“ Bis 1907 verbrachten Gustav Mahler und seine Frau Alma die Sommermonate in Maiernigg am Wörthersee, doch als die ältere Tochter – Maria Anna wurde 1902, Anna Justine wurde 1904 geboren – starb, wurde das Feriendomizil niemals mehr betreten.
Nachdem die Komposition der fünften Symphonie Ende des Jahres 1902 abgeschlossen war, wurden noch zahlreiche Änderungen und Korrekturen vorgenommen. Unter der Leitung des Komponisten wurde die fünfte Symphonie schließlich am 18. Oktober 1904 in Köln uraufgeführt.
Gustav Mahlers fünfte Symphonie musikalisch betrachtet
„Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk. Niemand capirt sie“, klagte Gustav Mahler 1905 anlässlich einer Aufführung in Hamburg. Tatsächlich lassen eine Vielzahl von Besonderheiten das Werk keineswegs leicht zugänglich erscheinen. Da ist zunächst der harmonische Gang der Komposition, der vom cis-Moll-Trauermarsch bis zum Finale in D-Dur führt. Damit wird ein Kreis beschrieben, der sich nicht schließen kann und nicht schließen will. Die Symphonie beginnt nicht einmal mit einem Satz in Sonatenform, denn der Trauermarsch hat gewissermaßen die Funktion einer riesenhaften Einleitung. Erst mit dem zweiten Satz wird der eigentliche Hauptsatz erreicht. Gustav Mahler hat auf diesen beispiellosen Bauplan seiner fünften Symphonie selbst hingewiesen: „Es ist nach Disposition der Sätze (von denen der gewöhnliche 1. Satz erst an 2. Stelle kommt) schwer möglich, von einer Tonart der ‚ganzen Symphonie’ zu sprechen, und bleibt, um Mißverständnissen vorzubeugen, lieber eine solche unbezeichnet. (Der Hauptsatz (No 2) ist in A-Moll – Das Andante (No 1) ist in Cis- Moll.) Man nennt eine Symphonie nach dem Hauptsatz – aber nur, wenn er an erster Stelle steht, was bisher immer der Fall war – mit einziger Ausnahme dieses Werkes.“
Ungewöhnlich ist ferner der vom Komponisten eingeschlagene Weg, der von einem Trauermarsch-Beginn über temperamentvollere Sätze zu einem diesseitig-heiteren Finale führt. Hörer, die mit Mahlers ersten vier Symphonien vertraut waren, mussten sich über den besonderen Tonfall der „Fünften“ wundern, die nach der Reduzierung in der „Vierten“ wieder zur großen Besetzung zurückkehrt. Und es sind vor allem das Scherzo und das abschließende Rondo, die mit bisher unbekanntem Klangbild aufwarten. Hinzuweisen ist auf die filigranen Strukturen, im Finale auch auf die Einschaltung zahlreicher Fugato-Abschnitte. Und ungewöhnlich ist schließlich die Einschaltung des Adagietto-Satzes, der den großen sinfonischen Stil hinter sich lässt und einen Rückzug ins Private beschreibt. Damit wird ein gewaltiger Kontrast zu den übrigen Sätzen der Symphonie hergestellt.
Der erste Satz der fünften Symphonie von Gustav Mahler ist ein Trauermarsch, der eine Einleitung von gewaltigen Dimensionen darstellt. Das Ziel ist erst mit dem Erreichen der Sonatenform des zweiten Satzes erreicht. Dies wird durch Mahlers Gliederung der Symphonie in drei Abteilungen betont. Der erste und zweite Satz werden zusammengefasst, und auch das Adagietto und das Rondo-Finale gehören zusammen. Lediglich das ausgedehnte Scherzo steht für sich allein. So ist auch überliefert, dass Mahler bei Aufführungen dieser Symphonie nach dem ersten Satz keine Pause machte, den zweiten und dritten Satz jedoch durch eine auffallend lange Unterbrechung voneinander trennte.
Der Trauermarsch der fünften Symphonie ist ein Satz ohne Ironie, er unterscheidet sich grundlegend vom Trauermarsch der ersten Symphonie. Die fünfte Symphonie beginnt mit einem Fanfarenmotiv der Solotrompete, die Fanfare kommt in diesem Satz insgesamt viermal vor und weist dabei nicht unerhebliche Veränderungen auf. In den Hauptteilen besitzt der Satz eine lastende Schwere, die Rhythmen sind stockend, die Melodieführung ist insistierend und klagend. Allerdings wird dieses enge Korsett wiederholt verlassen und regelrecht durchbrochen. Es werden Ausflüchte unternommen, im ersten Trio lautet die Tempovorschrift „Plötzlich schneller. Leidenschaftlich. Wild“. Wenn in Gustav Mahlers fünfter Symphonie der Sonatensatz erst an zweiter Stelle steht, so hat diese Position Konsequenzen, denn das Prinzip der Neuartigkeit und des ersten Hörens ist verspielt. Mahler war sich dieses Phänomens unmittelbar bewusst. Er unternimmt Rückblicke und Erinnerungen an den Trauermarsch, an anderer Stelle blickt er nach vorne. Sehr ungewöhnlich ist die Einschaltung einer ausgedehnten klagenden Episode der Violoncelli in der Durchführung, überraschend endet die Reprise mit einem strahlenden Choral, der sich jedoch nicht bis zum Schluss behaupten kann, sondern zuletzt eine Rücknahme und Auflösung erfährt.
War der zweite Satz der Symphonie von dem Ausdruck der Verzweiflung geprägt, so schließt sich ein heiteres Scherzo an. Das Horn übernimmt in diesem Satz die Rolle des Solisten. Der Hauptsatz trägt Ländlercharakter, dem jedoch die Fugato-Fortführung prinzipiell zu widersprechen scheint. Das erste Trio führt hinein in die Sphäre des Walzers, das zweite Trio ist ein traumverlorenes Naturbild. Vor allem aber ist das Scherzo ein Satz mit riesigen Dimensionen, es fehlt jede Ironie oder Karikatur, dafür erfolgt aber mit einem dichten motivischen Beziehungsnetz eine Annäherung an die Form eines Sonatensatzes. Gegenüber Natalie Bauer-Lechner hat Mahler das Scherzo folgendermaßen charakterisiert: „Es ist durchgeknetet, daß auch nicht ein Körnchen ungemischt und unverwandelt bleibt. Jede Note ist von der vollsten Lebendigkeit und alles dreht sich im Wirbeltanz. (...) Romantisches und Mystisches kommt nicht vor, nur der Ausdruck unerhörter Kraft liegt darin. Es ist der Mensch im vollen Tagesglanz, auf dem höchsten Punkt seines Lebens. So ist es auch instrumentiert: keine Harfe, kein Englisch Horn. Die menschliche Stimme würde hier absolut nicht Raum finden. Es bedarf nicht des Wortes, alles ist rein musikalisch gesagt.“
Das Adagietto steht als kontrastierendes Bindeglied zwischen zwei optimistischen Sätzen. Als Lied ohne Worte lediglich für Streicher und Harfe beschreibt es einen Rückzug ins Private, beachtenswert ist seine Nähe zum Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Zusammen mit dem Rondo-Finale bildet es die dritte Abteilung der Symphonie.
Mit dem Rondo-Finale ist der größte Kontrast zum Trauermarsch des ersten Satzes erreicht. Fröhlichkeit, gar Übermut kennzeichnen dieses Finale. Allerdings beginnt dieser Satz nicht sogleich mit einem Hauptthema, vielmehr werden zunächst thematische Anläufe unternommen. Das Finale selbst besitzt eine große Fülle von Themen und Motiven. Es weist eine kunstvolle Verarbeitung auf, auffällig ist das wiederholte Vorkommen fugierter Abschnitte. Aber es gibt auch Zitate und thematische Anlehnungen. Gleich zu Beginn zitiert Mahler aus seinem Lied „Lob des hohen Verstandes“, später wird sogar der Bereich des Kinderliedes berührt, und wiederholt zitiert Mahler aus dem Finale von Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“: Man ist geneigt, an den Refrain „Wer so viel Huld vergessen kann, den seh’ man mit Verachtung an“ zu denken. Die Reprise wird mit einem strahlenden Choral gekrönt, die Koda beschleunigt das Tempo bis zuletzt, sodass nicht zu beurteilen ist, ob der Triumph wirklich eindeutig ist.
Gustav Mahlers fünfte Symphonie ist ein vielschichtiges Werk, das über das Leben reflektiert, aber kein eindeutiges Programm bereithält. Bewundert wird die kunstvolle Ausarbeitung der Symphonie, die in Mahlers Schaffen einen Wendepunkt markiert. Was die Offenheit bezüglich programmatischer Deutungen betrifft, so macht diese das Werk nicht weniger reizvoll.
Michael Tegethoff

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