Audio-Interview

Hören Sie hier ein Interview mit Susanna Yoko Hermann von Julia Kimmerle.


Die Farbe der Sehnsucht

Susanna Yoko Henkel im Interview mit Virginia Tutila
Veröffentlicht bei CLASS aktuell


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Susanna Yoko Henkel spielt Tschaikowsky

Ein Interview von Virginia Tutila

Virginia Tutila: In der illustren CD-Serie der Duisburger Philharmoniker wird nun Ihre Aufnahme des Tschaikowsky-Violinkonzertes veröffentlich. Nach einer Reihe verschiedener Kammermusikaufnahmen ist das Ihre erste Einspielung mit Orchester. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit den Duisburger Philharmonikern gekommen? Wie haben Sie zusammengefunden?

Susanna Yoko Henkel: Ich habe schon vor etwa sieben, acht Jahren mit den Duisburger Philharmonikern gespielt,  damals das D-Dur Violinkonzert von Mozart. Und wir haben uns sehr gut verstanden. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, als die Anfrage kam, in der Reihe "Große Geigerinnen" das Tschaikowsky-Violinkonzert zu spielen. Aus dieser ersten Anfrage entstand dann relativ schnell auch das Projekt "Artist in residence". In der letzten Konzertsaison war ich „Künstlerin in residence“ der Duisburger Philharmoniker und als solche habe ich die Möglichkeit bekommen verschiedene Projekte zu gestalten. Das war eine ganz tolle Sache. Neben dem Tschaikowsky-Konzert, das wir dreimal aufgeführt haben, konnte ich auch verschiedene Kammermusik-Projekte realisieren. Ich konnte ein großes Recital mit Itamar Golan spielen. Mit verschiedenen Kammermusikpartnern habe ich dann Projekte gemacht, in denen ich von Bach solo bis Beethoven-Septett in unterschiedlichen Formationen spielen durfte. Und ich hatte freie Programmauswahl. Das war eine sehr schöne Arbeit. Kurz vor dem Start des "Artist in residence"-Projektes entstand die Idee, das Tschaikowsky-Violinkonzert aufzunehmen und als CD zu veröffentlichen. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn dieses Konzert gehört zu meinen Lieblingswerken und ich bin sehr glücklich über die Möglichkeit, das Stück in einer Live-Aufnahme vorstellen zu können.

VT: Lassen Sie uns ein wenig über Sie sprechen. Sie haben ungewöhnlich früh mit dem Geigenspielen begonnen, mit gerade mal zwei Jahren...

SYH: Genau. Meine Eltern sind beide Musiker, mein Vater ist Cellist, meine Mutter Geigerin. Und so war es, glaube ich, ganz natürlich, dass ich, umgeben von Musik, schon sehr früh den Wunsch äußerte, ein eigenes Instrument zu bekommen und zu spielen. So kam es, dass ich bereits zu meinem zweiten Geburtstag eine winzig kleine Geige geschenkt bekommen habe. Meine Mutter war eigentlich ganz dagegen, mich so früh anfangen zu lassen. Aber ich muss sehr hartnäckig gewesen sein. Und ab diesem Zeitpunkt habe ich jeden Tag geübt.

VT: Zu leben in verschiedenen Kulturen ist für Sie selbstverständlich. Geboren sind Sie in einer deutsch-japanischen Familie, Zuhause sind Sie in Zagreb und Berlin, ab Herbst kommt Köln als dritte Stadt dazu, denn Sie sind als Professorin an die Musikhochschule berufen worden. Wie sieht Ihr künstlerischer Alltag aus?

SYH: Es ist so, dass ich versuche, eine gewisse Struktur und Regelmäßigkeit in meinem Alltag,  unabhängig von meinem Wohnort, immer aufrecht zu erhalten und das gelingt mir für gewöhnlich sehr gut. Ich pendele wirklich zwischen verschiedenen Welten, bin in Kroatien zu Hause, aber genauso in Berlin, ab Oktober kommt in der Tat Köln dazu. Meine Mutter ist Japanerin, ich bin auch sehr in der japanischen Kultur verwurzelt und versuche nach Möglichkeit oft hinzufahren. Insofern bin ich sehr, sehr glücklich, dass ich von verschiedenen Welten das Beste mitbekomme und mir heraussuchen kann, was mir am besten passt.

VT: Über Ihre Violine sagen Sie, sie sei wie „eine Stimme, die aus einem heraus spricht“. Sie spielen ein wunderbares Instrument, mit einem dunklen, warmen Ton, der in den Tiefen wie eine Bratsche klingt. Hat Ihre Geige eine Geschichte?

SYH: Ich habe das große Glück, ein wunderbares Instrument zu spielen, von Stradivari aus dem Jahre 1710. Die Geige ist eine ganz besondere. Sie heißt "Ex Leslie Tate". Das ist der Name der früheren Besitzer in England. Die Violine ist im Jahre 1710 erbaut, in der goldenen Zeit Stradivaris, eine besonders fruchtbare Zeit, in der seine besten Instrumente entstanden sind. Und man sieht das dem Instrument auch an. Es ist eins der schönsten Instrumente - allein vom Optischen - die ich je gesehen habe. Sie hat einen ganz besonderen, eigenen Ton, in den ich mich sofort verliebt habe. Davor war ich sehr lange auf der Suche, hatte zwar die Möglichkeit, auf verschiedenen tollen Instrumenten, unter anderem auch von Stradivari, zu spielen, aber erst mit dieser Geige habe ich wirklich mein Instrument, mit dem ich mich hundertprozentig wohlfühle, gefunden. Und ich habe das große Glück, dass ein privater Eigentümer sie mir seit über zwei Jahren zur Verfügung stellt.

VT: Als ich Ihre Aufnahme gehört habe, muss ich gestehen, war ich sehr überrascht. Ich hatte eine überschwängliche, vordergründig virtuose Interpretation einiger Ihrer Kollegen im Ohr. Sie haben sich jedoch entschieden, diesen Tschaikowsky auf eine sehr nachdenkliche, nach innen gekehrte Art zu spielen. Man vergisst dabei wie irrsinnig schwer das Stück ist, weil man von der großen Ruhe, die Sie vermitteln, getragen wird. 

SYH: Also, es freut mich sehr, dass Sie das so empfunden haben. Weil es genau das ist, was mir am Herzen liegt. Eben Tschaikowskys Violinkonzert nicht als das typische Paradestück der virtuosen Violin-Literatur zu präsentieren, sondern eher die hintergründigen, melancholischen Momente herauszuarbeiten. Ich glaube, dass ich über die Jahre meinen eigenen interpretatorischen Weg gefunden habe. Ich muss gestehen, seit ich teilweise in Kroatien lebe, seit sechs Jahren, und ich die kroatische Sprache gelernt habe, glaube ich, bin ich der slawischen Seele noch ein ganzes Stück näher gekommen. Es gibt in diesem Stück einfach so viele traurige, melancholische aber auch verzweifelte Momente, die begründet sind. Das Violinkonzert ist ja entstanden als Tschaikowsky eine große Depression bekämpft hat. Es gibt auch Gerüchte, dass er wohl tiefe Gefühle für den Geiger hegte, für den das Violinkonzert ursprünglich geschrieben wurde. Insofern glaube ich, dass dieses Konzert so viel mehr ist, als ein einfaches virtuoses Paradestück. Das zu vermitteln liegt mir sehr am Herzen.

VT: Das Orchester klingt sehr markant, es hat fast nichts „Begleitendes“. Es wird als eigene Stimme, die Sie sicherlich trägt aber auch mit Ihnen polyphoniert, sehr differenziert und farbenträchtig geführt, eindeutig die Handschrift Jonathan Darlingtons. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Orchester und dem Dirigenten empfunden?

SYH: Das Orchester kannte ich schon von früher und wusste, dass wir harmonieren. Mit Jonathan Darlington habe ich für Tschaikowsky das erste Mal zusammengearbeitet. Und wir haben uns vom ersten Moment an super verstanden. Wir hatten absolut die gleiche Auffassung vom Stück. Darüber war ich sehr glücklich, und ich finde auch, dass man das im Ergebnis hört. Ich bin auch mit dem Orchester total glücklich. Wir haben eine runde, gemeinsame Interpretation des Stückes gefunden. Aus der Ursprungsidee, dieses Konzert aufzunehmen, ist so etwas Tolles geworden, mit dem alle Beteiligten mehr als glücklich sind.

VT: Wie sehen Ihre Pläne für den Rest des Jahres aus? Worauf freuen Sie sich noch ganz besonders?

SYH: Also ganz besonders freue ich mich auf meinen Beginn als Professorin in Köln. Das ist bereits im Oktober. Es ist das erste Mal, dass ich eine Hochschulprofessur annehme. Das ist eine große Aufgabe, auf die ich mich sehr, sehr freue. Und dann steht noch mein alljährliches Kammermusik-Festival in Zagreb bevor, das ebenfalls im Oktober stattfinden wird. Zum ersten Mal haben wir ein Kammerorchester zu Gast. Es werden auch viele Musiker dabei sein, mit denen ich schon seit Jahren zusammenarbeite, und die mir besonders am Herzen liegen. Mit dem litauischen Kammerorchester werde ich drei Doppelkonzerte spielen, zwei mit Lauma Skride – Haydn und Mendelssohn – und Mozarts Sinfonia Concertante mit Maxim Rysanov. Ein schönes Programm und eine spannende Zeit.

VT: Viel Erfolg weiterhin und vielen Dank für das Gespräch. 

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Susanna Yoko Henkel spielt Tschaikowsky

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