Ein Interview von Kerstin Gebel
Kerstin Gebel: Wenn man Ihren Namen im Internet eingibt - Caroline von Bismarck - dann stößt man auf eine Künstlerbiografie und erfährt nichts über Ihre adligen Wurzeln. Wie wichtig sind Ihnen die Wurzeln der Familie von Bismarck, die weit in die Vergangenheit zurückführen.
Caroline von Bismarck: Sie sind für mich schon immer sehr wichtig gewesen. Ich bin einerseits von einem relativ traditionsbewussten Denken geprägt. Dass heißt, ich habe mich sehr viel für alle möglichen Klassiker, ob in der Literatur, der Malerei oder eben der Musik interessiert. Auch durch die Familientradition gab es viele Dinge, die wir zelebriert und gelernt haben. Andererseits war mein Vater für mich ein Vorbild. Er hat sich schon zu Zeiten, als es noch kaum Interesse für die Umweltbewegung gab, für alternative Energiequellen interessiert. Er hat immer schon in die Zukunft geschaut und sich für Sachen interessiert, die gar nicht konservativ sind. Das habe ich von ihm übernommen.
KG: Sie haben mit sieben Jahren angefangen, Violine zu spielen. War das die Idee Ihrer Mutter?
CvB: Ja, meine Mutter wuchs in einem sehr musikalischen Elternhaus auf und hat dieses früh geweckte Interesse an der Musik an meine Geschwister und mich weitergegeben. Wir haben alle musiziert. Ich habe gleich früh mit der Geige begonnen.
KG: Was ist denn aus Ihrem Geigenunterricht geworden?
CvB: Ich habe in Mannheim und in Bern Geige studiert. In der Schweiz habe ich meinen Abschluss gemacht und anschließend eine Orchesterstelle in Spanien angenommen, im Orquesta de la Comunidad de Madrid. Ich besuchte viele Kammermusikfestivals, die mich sehr inspirierten. Dabei fand ich es immer besonders nett, dort Musiker-Kollegen kennenzulernen und mich durch die gemeinsame musikalische Arbeit mit ihnen anzufreunden.
KG: Vor einigen Jahren haben Sie ein eigenes Kammermusikfestival auf Schloss Wonfurt in Unterfranken gegründet. Das Festival findet in diesem Juli zum sechsten Mal statt. Erzählen Sie bitte zunächst etwas über das Schloss, besser die Ruine, die Ihre Mutter 1978 entdeckte und deren italienisches Flair sie sofort begeisterte.
CvB: Es war natürlich immer ein Abenteuer für uns Kinder, im verfallenen Schloss zu sein. Wir hatten Angst im Dunkeln, weil es dort ausgebrannte Ecken gab, Löcher in den Böden und Staub überall. Besonders schön war es im Sommer, wenn Kinder zur Jugendfreizeit anreisten: Jedes Jahr kam eine Jugendgruppe, die ein Wochenende dort arbeitete. Die Jugendlichen mähten die Brennnesseln ab, beizten die Türen und klopften den Putz von den Wänden. Am Abend saßen sie am Lagerfeuer, sangen, tanzten und freuten sich, dass sie in so einem romantischen, verwunschenen Schloss zusammen sein konnten.
KG: Als Ihre Eltern damals einen neuen Familiensitz suchten und diese völlig verfallene Schlossruine fanden, glaubte niemand, dass man daraus ein Schmuckstück machen könnte. Die Geschichte dieses Schlosses reicht über tausend Jahre zurück und der Bau vereint viele Stilepochen. Es beginnt bei romanischen Bögen, führt über gotische Gewölbe zu barocken Treppentürmen. Es finden sich Elemente aus der Renaissance und des Klassizismus…
CvB: Ja, dass aus der Ruine wieder ein Schloss erstand, ist natürlich meinen Eltern zu verdanken. Vor allem meiner Mutter, die Kunstgeschichte studiert hat und 30 Jahre lang als Kunsterzieherin in der Schule unterrichtete. Sie hat sich sehr dafür eingesetzt, dass das gesamte Gebäude denkmalgerecht aufgebaut und dass die Malereien hinter den Tapeten restauriert wurden. Alles sollte möglichst authentisch wiederhergestellt werden und das Schloss seinen Charme wieder gewinnen. Auf diese Weise entstand ein wunderschöner Ionischer Saal, in dem die Konzerte stattfinden.
KG: Hatten Sie diese Kombination von gebauter Geschichte und Musik aus vielen Epochen vor Augen und Ohren, als Sie ihr Festival initiierten?
CvB: Ja, genau. Das Schloss hat einen besonderen Charme und eine schöne Akustik. Es lädt dazu ein, Freunde zusammenzubringen, mit ihnen etwas zu gestalten. Durch den Tod meines Vaters war für mich ein geistiges Vakuum entstanden, es fehlte die Freude. Damals begann ich zu suchen. Ich wollte gerne etwas Neues im Schloss entstehen lassen, etwas das wieder Freude und Sonne in das Haus trägt. Das war für mich natürlich die Musik, meine Sprache eben. Und ich habe dann in den darauffolgenden Jahren immer weiter gebastelt an dieser Idee, ein Kammermusikfestival zu gründen. Zum Glück habe ich dann auch die richtigen Partner dazu gefunden, die mich unterstützten und halfen, ein harmonisches Gesamtkunstwerk zu schaffen.
KG: Ein Partner ist Ihr Lebensgefährte, der auch Musiker ist.
CvB: Genau, Eliah Sakakushev ist Cellist und hat natürlich sehr viele kammermusikalische Freunde, die eine wichtige Basis für dieses Festival bilden.
KG: Zum sechsten Mal findet das Festival in diesem Jahr am ersten Juli-Wochenende statt. Sie geben ihm immer ein Motto. Wie lautet es in diesem Jahr?
CvB: "Lieben und Leben". Wir fühlen uns zum 200. Geburtstag natürlich in diesem Jahr besonders Robert Schumann verbunden. Aus seinem Liederzyklus "Frauenliebe und -leben", der im Eröffnungskonzert erklingt, haben wir einfach "Lieben und Leben" gemacht. Robert Schumann hat diesen Liederzyklus "Frauenliebe und -leben" im ersten Jahr nach seiner Hochzeit mit Clara Wieck geschrieben und diese schöne Zeit hört man auch aus der Musik heraus.
KG: Mit Schumann wird das Festival, das am Freitag, 2. Juli, beginnt und am Sonntag, 4. Juli, endet, eröffnet. Am zweiten Abend folgt ein Galakonzert " Hommage à Chopin".
CvB: Chopin ist mit seinen wenigen Kammermusikwerken natürlich auch wichtig für uns. Wir haben die Cellosonate und auch das Klaviertrio im Programm. Chopin ist eine interessante Persönlichkeit: Er war ein introvertierter Musiker, stand im glamourösen Licht der Pariser Salons, sorgte durch seine Verbindung zu George Sand für großes Aufsehen und sprach in seiner Musik doch eine so innige Sprache.
KG: Das dritte Konzert, "Italienische Impressionen“, verbindet Hugo Wolfs "Italienische Serenade" mit Tschaikowskys Streichsextett „Souvenir de Florence“ und Igor Strawinskys „Suite Italienne“. Ein schönes, dramaturgisch rundes Programm. Das Abschlusskonzert trägt den Titel "Verklärte Nacht". Wie kam es dazu?
CvB: Arnold Schönberg hat die "Verklärte Nacht" in jenem Jahr geschrieben, als er Mathilde, die Schwester seines Freundes Alexander Zemlinsky kennenlernte, und alle drei zusammen schöne Sommerferien verbrachten. Da verliebte sich Schönberg in Mathilde. In diesen Ferienwochen entstand dann auch dieses beliebte Sextett, "Verklärte Nacht". Gekoppelt ist es mit Liedern von Gustav Mahler. Besonders "Urlicht" war mein Wunsch, weil es zum Thema des Festivals "Lieben und Leben" ganz besonders gut passt.
KG: Sie sind nicht nur die Gründerin und Künstlerische Leiterin des Festivals, Sie sind auch Musikerin und werden bei zwei Konzerten mitspielen?
CvB: Ja, ich werde beim Matinee-Konzert und beim Abschlusskonzert selbst mitwirken.
KG: Sie leben in Madrid. Wann und wie proben Sie mit Ihren Kollegen?
CvB: Alle Künstler sind eine ganze Woche auf dem Schloss und in der Gemeinde Wonfurt zu Gast. Wir haben sehr viele, sehr treue Helfer in der Gemeinde gefunden, die nicht nur beim Aufbau zupacken und beim Bewirten der Gäste, sondern auch die Künstler beherbergen und bekochen und eine familiäre Atmosphäre schaffen. So können alle Musiker, die wir eingeladen haben, in Wonfurt wohnen und eine ganze Woche zusammen proben.
KG: Wie viele Menschen leben in Wonfurt?
CvB: Etwa 1200.
KG: Und die gehören schon irgendwie zum Kammermusikfestival dazu. War das gleich von Anfang an so, oder sind Sie da erst einmal auf Widerstand gestoßen?
CvB: Die 1100-Jahr-Feier von Wonfurt im Jahr 2005 setzte für mich den Auftakt zum Festival. Denn wir wollten vom Schloss aus auch etwas zu den Feierlichkeiten beitragen. Das fiel dann wesentlich größer aus, als von allen erwartet und hat sich bis heute gehalten. Es entwickelte sich ein Miteinander von einigen enthusiastischen, die Musik sehr liebenden Förderern, ohne die dieses Festival gar nicht funktionieren könnte, und jenen Leuten, denen man die Musik ganz vorsichtig nahe bringen muss. Damit die Menschen aus der ländlichen Umgebung, die nicht von Kindheit an mit der Klassik aufwuchsen, hingeführt werden und sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlen, bieten wir eigene Programme an.
KG: Sie sprachen von finanzieller Förderung. Die erhalten Sie vom Land, von der Gemeinde, vom Bezirk, und von wem noch?
CVB: Der Kulturfonds Bayern hat uns in diesem Jahr auch unterstützt.
KG: Und Sie haben einen prominenten Schirmherren.
CvB: Ja, Kulturstaatsminister Bernd Neumann.
KG: Welche Künstler erwarten Sie in diesem Jahr? Es sind einige ARD-Preisträger und international anerkannte Musiker dabei.
CvB: In diesem Jahr versammeln wir wunderbare Freunde in Wonfurt. Das ist immer ganz besonders wichtig für uns, dass die Chemie stimmt. Denn die Ensembles sind keine eingespielten Formationen, sie finden bei den Proben zueinander. Deshalb ist die menschliche Qualität sehr wichtig. Wir freuen uns schon auf Danjulo Ishizaka, den Cellisten, der in Deutschland mittlerweile schon renommiert ist, und auf den Pianisten José Gallardo, der ebenfalls sehr bekannt ist. Und natürlich auf Sophia Jaffé aus Berlin, die Tochter meines ersten Geigenlehrers, Abraham Jaffé, dem ich sehr viel verdanke. Außerdem haben wir einen Professor aus Leipzig und einen aus Darmstadt dabei – allesamt wunderbare, sympathische Kammermusiker.
KG: Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht Ihre Planung für nächstes Jahr aus? Wird es ein siebtes Kammermusikfestival geben?
CvB: Ja, sicher. Die ersten Planungen sind schon getroffen. Wir möchten das Festival 2011 jüdischen Komponisten widmen und einen weiteren Schwerpunkt mit unterfränkischen Komponisten setzen. Besonders freuen wir uns auf den Pianisten und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov, der dann bei uns zu Gast ist und ein kleines Symposium leiten wird.
Das Interview führte Kerstin Gebel am 10. Mai in Stuttgart

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Caroline von Bismarck
Leitung Schloss Wonfurt Musikfest
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