Herr Wehle, beruflich sind Sie in verschiedenen Gewässern heimisch. Aber fangen wir mit Ihrem jüngsten Werk an: Einem Haydn-Buch, das ungemein locker daherkommt, aber hinter dessen Nonchalance sich eine Menge Fakten und Fachwissen verbergen.
Es ist die Intention dieses Buches – wie schon bei meinem Mozart-Buch – dem Leser durch einen flotten Stil die Scheu vor der etwas komplizierten Thematik zu nehmen. Ich bin Musikwissenschaftler, war Assistent an der Uni und als Mozart-, Haydn-, Beethoven und Schubert-Spezialist genau für diesen Zeitraum zuständig. Mein Buch ist also wissenschaftlich korrekt, aber leicht verpackt, damit niemand es nach ein paar Seiten weglegt.
Hoffen Sie, dass im Haydn-Jahr Leser dazu greifen, die mit der Materie nicht vertraut sind?
Ja, nur solche, denn für die ist es ja geschrieben. Fachleute greifen zu anderem, aber der Rest der Welt…
Sie haben einen „frechen“ Titel gewählt: „Haydn Haydn über alles“.
So frech ist er gar nicht. Ich will damit eigentlich nur zeigen, dass Haydn viel zu sehr unterschätzt wurde und immer noch wird. Er steht über, nein, eigentlich unter allem, denn er bildet das Fundament der Wiener Klassik. Und daher überstrahlt er alles.
Natürlich ist dieser Titel auf eine Melodie zu singen, die in Europa – ähnlich wie die englische oder französische Hymne – die Geschichte der letzten 200 Jahre mit geprägt hat. Und natürlich gibt es da Assoziationen in Deutschland und Österreich, wo das Buch hauptsächlich gelesen wird. Aber die zum Teil tragische Geschichte dieser Melodie, ihr Missbrauch, ist ein eigenes Kapitel. Trotzdem hat sich ihre Schönheit durchgesetzt. Auch das soll in meinem Titel zum Ausdruck kommen.
Jetzt zu Ihnen: Sie hatten einen berühmten Vater, den Wiener Kabarettisten, Komponisten und Autor Peter Wehle, und wandeln sowohl auf dessen Spuren als auch auf denen Ihrer Mutter, die Psychologin ist.
Auf Vaters Spuren seit meinem 4., 5. Lebensjahr, denn da stand ich erstmals auf der Bühne, später dann auch vor der Kamera, sogar in einem „Tatort“. Das war ein gutes Taschengeld.
Nach der Matura studierte ich zuerst Psychologie, begann erst später mit der Musikwissenschaft, die ich dann aber eher abschloss. Ich habe sozusagen Vater und Mutter wissenschaftlich verbunden.
Sie promovieren derzeit in Psychologie?
Den Dr. phil. habe ich in Musikwissenschaft mit einer Arbeit über Schubert gemacht. Jetzt arbeite ich an einer Dissertation zum Dr. rer.nat. Es geht darin um psychoakustische Probleme, um Fragen der Schallverarbeitung im Gehirn.
Sie haben früher einmal für Zeitungen gearbeitet. Waren Sie Musikkritiker?
Überhaupt nicht! Während des Studiums habe ich als Journalist gejobbt und die Mitarbeiter-Zeitung für die Österreichischen Bundesbahnen gemacht. Einige Jahre war ich als Angestellter im Sozial- und Gesundheitsbereich des Landes Niederösterreich eingesetzt. Ich habe auch ein Jahr als Mittelschullehrer im Salzburger Land Musik unterrichtet.
Und die Kunst?
Ich stand auch während meiner Assistenten- und Angestellten-Zeit -zigmal pro Jahr als klassischer Pianist auf der Bühne. Aber es wurde mir immer langweiliger und ich sah nicht ein, warum die milliardste Beethoven-Einspielung anders klingen sollte als alle anderen, auch wenn sie von mir käme. Ich begann Musik-Theaterstücke zu schreiben.
Wie sehen die aus?
Ich entwerfe ein echtes Stück, eine echte Handlung über einen Komponisten und durchsetze das Geschehen mit Sketch-, Humor- und satirischen Elementen. Bestes Beispiel ist meine One-Man-Show „Making Mozart“ für 1 Klavier und 1 Spieler.
Kabarett oder Kleinkunst, in welche Schublade würden Sie sich stecken?
In keine!
Natürlich, niemand will in eine…
…ich würde manchmal sogar gerne wollen. Denn die Veranstalter tun sich oft schwer, wenn sie mich ankündigen. Ich hätte kein Problem mit der Schublade, wenn ich in eine hineinpassen würde.
Kabarett ist für mich immer aktuelle politische Zeitkritik, die betreibe ich nicht. Comedy ist es auch nicht, aber Kleinkunst passt ganz sicher. Meine drei Eckpfeiler sind Humor, Wissen und Musik.
Wie viele Theaterstücke haben Sie verfasst?
Vier. „Making Mozart“ war das effizienteste. Das lief im Mozartjahr 2006 bestens und ich habe auch im Unterhaus in Mainz damit gastiert. Mein erstes Stück „Magie Musik“ geht eher querbeet, es folgten ein Haydn-Stück, das in diesem Jahr wegen des Buches ins Hintertreffen geraten ist, und eines über Schubert, „Nachwirkungen eines Unvollendeten“.
Schlüpfen Sie jeweils in die Rolle des Komponisten?
Nein. Bei Haydn bin ich Napoleon, der zur Strafe dafür, dass er so viele junge Leute in den Tod geführt hat, sich als Fremdenführer in einem kleinen Haydn-Museum verkaufen muss. Bei Mozart bin ich ein Unter-Teufel, der sich ums Mozart-Marketing Sorgen macht. Dieser Höllen-Kerl hat Mozart erfunden, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Für solchen Unfug wie Bleistiftspitzer, Kaffeetassen, T-Shirts, Schokoladenkugeln, alles mit Mozart-Konterfei. Und die Hölle freut sich über jeden unnötig ausgegebenen Cent. Doch letztlich ist diese PR-Schöpfung der Hölle so exakt getroffen, dass sie sich verselbständigt und zu Mozart wird. Der Teufel hat das Nachsehen.
Wo nehmen Sie Ihren Witz und Ihre Ideen her?
Die Psychologie spricht von den drei großen „Bs“: Bed, Bicycle, Bath. Ich bade sehr gern und im Bett fällt mir auch oft etwas ein. Ich radle zwar nicht, gehe aber viel spazieren. Manchmal notiere ich mir auch im Konzert schnell etwas ins Programmheft. Das war bei meinem Vater genauso. Plötzlich gab es ein hektisches Kugelschreibersuchen…
Sie arbeiteten als Musikwissenschaftler an der Uni, haben als Angestellter im Sozialwesen ein wissenschaftliches Buch als Co-Autor betreut. Gehört das Pendeln zwischen Kunst und Wissenschaft zu Ihrem Leben?
Beide Welten gehören zu mir. Ohne Wissenschaft und ohne Kunst wäre ich gleichermaßen unglücklich. Ich erhole mich derzeit, so komisch das klingt, wenn ich ein Statistik-Lehrbuch zum 27. Mal durchackere. Das ist eine Ruhe-Insel, erholsam. Und es ist schön, anschließend wieder in die Kunst zurückzukehren.
Befruchten sich Kunst und Wissenschaft?
Extrem sogar. Meine Stücke hätte ich ohne musikwissenschaftliches und historisches Wissen gar nicht schreiben können. Und in der Teufel-Rolle beim Mozart-Stück steckt eine Menge Arbeitspsychologie drin.
Sind Ihre One-Man-Stücke eigentlich abendfüllend?
Ich würde sagen ja. Aber nach meinem Gastspiel in Mainz machte die Kritik mir das wunderschöne Kompliment, dass mein Stück mit 75 Minuten Dauer zu kurz sei. Ich habe sofort drei neue Sketche geschrieben und eingefügt, jetzt komme ich auf 85 Minuten.
Die muss der Zuhörer wohl sehr wach miterleben…
Ja, sicher. Eine berühmte österreichische Dichterin sagte mir einmal, „Mein Gott, bei dir darf man sich noch nicht einmal die Nase putzen“. Ein herrliches Kompliment. Es stimmt, denn wer das tut, verpasst zwei Pointen.
Welche Pläne haben Sie für die kommende Zeit?
Ich werde über den Sommer meine Dissertation schreiben. Dann liegt da noch ein Krimi, schon seit fünf oder sechs Jahren. Die Fälle sind schon skizziert, müssen aber noch ausformuliert werden. Damit möchte ich auch im Sommer fertig werden, damit ich im Herbst mein Buch über Gustav Mahler in Angriff nehmen kann. Es soll zum 150. Geburtstag 2010 bzw. zum 100. Todestag 2011 erscheinen.
Auch wieder ein Buch für aufgeschlossene Laien?
Natürlich. Ein easy- reading-Buch. Es wird sicher nicht so nonchalant wie die beiden über Mozart und Haydn, weil Mahler doch zu ernst war. Aber es soll jeden ansprechen, der sich für Gustav Mahler oder die spannende und unruhige Umbruchszeit zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg in Wien interessiert. Ohne große Vorkenntnisse.
Treten Sie eigentlich mit anderen Musikern auf?
Früher habe ich das getan, jetzt nicht mehr. Wenn ich Blödsinn mache, mach’ ich den alleine. Ich muss mich nachher nicht entschuldigen und vorher nicht streiten und kann viel leichter auf der Bühne reagieren.
Sie sind also ein Einzelkämpfer?
Ja, eigentlich schon.

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