Booklettext: Boulanger Trio und Mathieu Kuttler

Saint-Saëns, Fauré, Boulanger

Die Schwestern Lili und Nadia Boulanger haben uns durch ihre Musik und ihre Persönlichkeit so tief beeindruckt, dass wir uns nach ihnen benannt haben. Ein ganz besonderes Anliegen ist uns daher die Förderung von Lili Boulangers Kompositionen für Klaviertrio. Als wir 2006 als Trio zusammenkamen, waren diese Werke noch nicht verlegt und nur sehr schwer zugänglich, doch stellte uns der Durand-Verlag auf Vermittlung der Pariser Fondation Boulanger den Vorabdruck einer geplanten Edition zur Verfügung, und so konnten wir diese Musik in unser Repertoire aufnehmen. Beiden Institutionen gilt unser besonderer Dank.

Die Beschäftigung mit dem Leben der Schwestern Nadia und Lili Boulanger führt zwangsläufig zu Gabriel Fauré, der die künstlerische Entwicklung der beiden wesentlich beeinflusste. An seinem Trio faszinierte uns sogleich die eigentümlich zarte Klangsprache. Über Gabriel Fauré kamen wir zu Camille Saint-Saëns und seinem eindrucksvollen wie ungewöhnlichen zweiten Klaviertrio. Aufgrund der Mentor-Schüler-Beziehungen zwischen den drei Komponisten reizte es uns, ihre Werke in einem gemeinsamen Programm aufzuführen. Dabei waren wir überrascht, wie sehr die Werke auseinander hervorzugehen scheinen, und wie strak sich die Komponisten in ihrem Schaffen gegenseitig bereichert und befruchtet haben.

 

Camille Saint-Saëns - Trio E-Moll Op. 92

Als Charles-Camille Saint-Saëns (1835-1921) ein junger Mann war, spielte die Kammermusik im französischen Musikleben keine Rolle und gelangte allenfalls in privaten Gesellschaften zur Aufführung. In diesen waren vor allem Werke Beethovens, Mozarts oder Mendelssohn Bartholdys zu hören, während französische Komponisten das Genre mieden, da Anerkennung nur demjenigen winkte, der große Opern schrieb. Dass wenige Jahrzehnte später auch in Frankreich viele begabte junge Komponisten Kammermusik schreiben wollten, lag ganz wesentlich an Saint-Saëns, der nicht nur über fünfzig Kammermusikwerke komponierte, sondern 1871als Vizepräsident maßgeblich an der Gründung der Société Nationale de Musique beteiligt war. Diese griff den Grundgedanken des bereits 1861 durch die Académie des Beaux-Arts ausgelobten Prix Chartier auf, französische Tonschöpfer zur Komposition von Kammermusik anzuhalten und erweiterte ihn um eine eigene Konzertreihe. Von ihrer Gründung 1871 bis 1918 veranstaltete die Société über 400 Kammermusikkonzerte, die in den ersten Jahren im privaten Rahmen stattfanden und der Musik französischer Komponisten vorbehalten waren. Letzteres wurde in der Musikforschung lange als antideutsche Reaktion auf die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gedeutet. Doch sollte wohl eher berücksichtigt werden, dass junge französische Komponisten am Konzertmarkt schlichtweg chancenlos waren und einer solchen Hilfe bedurften, denn schon „der Name eines Komponisten, Franzose und lebend, auf einem Konzertplakat vermochte jedermann in Flucht zu schlagen.“ (Camille Saint-Saëns)

Die frühen Kammermusiken Camille Saint-Saëns‘ erscheinen im Verlag von Julien Hamelle (1836-1917), der auch 1867 das erste Klaviertrio F-Dur op. 18 herausbrachte. Die späteren Werke erschienen bei Auguste Durand (1830- 1909), der eines Tages die Komposition eines zweiten Klaviertrios anregte. Nach mehreren Briefen, in denen Saint-Saëns seine Bereitschaft bekundete, teilte er am 16. März 1892 Auguste Durand mit, dass er nun an dem neuen Werk arbeite. Saint-Saëns hielt sich zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Algier auf, wohin er 1873 zum ersten Mal gereist war und seither auf der Suche nach schöpferischer Kraft immer wieder zurückkehrte. Von dort schrieb er seinem Freund Charles Lecoq: „Ich arbeite ganz gemächlich an einem Trio, von dem ich hoffe, dass es die Leute in Verzweiflung stürzen wird, die das Pech haben werden, es zu hören. Es wird mich den ganzen Sommer kosten, diese Abscheulichkeit zu vollziehen; ein bisschen Spaß muss sein.“

Bei der Uraufführung des Trios e-Moll op. 92 am 7. Dezember 1892 spielte Camille Saint-Saëns selbst Klavier. Das Publikum nahm das neue Werk sehr gut an, und es folgten binnen Wochen mehrere Aufführungen in Pariser Kammermusikgesellschaften.

Das Trio weist eine eigenwillige Gesamtarchitektur auf und hat einen auffälligen Bezug zur Zahl Fünf: Es besteht aus fünf Sätzen, der zweite Satz beinhaltet fünf Abschnitte, in denen Fünfachtel- und Fünfvierteltakt einander abwechseln, und hat eine durch fünf teilbare Taktanzahl. Im ersten Satz mit seiner fast schon symphonischen Anlage strömt die Musik wie eine große Welle über den Hörer hinweg. Man fühlt sich förmlich von der Brandung überrollt, die Camille Saint-Saëns wohl aus seiner Villa am Meer vor den Toren Algiers betrachtete.

Die mittleren drei Sätze bilden eine Einheit und sind Charakterstücke. Besonders delikat ist der zweite Satz, dessen Fünfachteltakt den Hörer lange im Ungewissen lässt, ehe sich zum Ende hin eine Habanera offenbart. Es folgt ein kurzer, langsamer Satz, der an ein Mendelssohnsches Lied ohne Worte erinnert. Er besteht aus einem einzigen Thema, einer schlicht abwärts schreitenden Tonfolge, und hat trotz oder gerade wegen dieser Einfachheit etwas Anrührendes. Ein beschwingter Ländler mit wienerischem Charme und viel Humor beschließt den Reigen der drei Miniaturen.

Das Finale zeigt Camille Saint-Saëns‘ außergewöhnliche kompositorische Meisterschaft. Es besteht aus zwei „historisierenden“ Themen, die sich zu Fugen entwickeln. Die kontrapunktische Arbeit findet schließlich ihren Höhepunkt in einer Doppelfuge, in der beide Themen gemeinsam verarbeitet werden, und die in einer weltlichen Gattung daran erinnert, dass Saint-Saëns auch Kirchenmusiker und Organist war. Ein fulminantes Unisono von Violine, Violoncello und Klavier beschließt das Werk.

Gabriel Fauré – Trio D-Moll op. 120

Dass Gabriel Urbain Fauré (1845-1924) überhaupt Kammermusik schrieb, war dem Bestehen und Wirken der Société Nationale zu verdanken, denn er ließ 1922 wissen: „Die Wahrheit ist, dass ich vor 1870 nicht im Traum daran gedacht hätte, eine Sonate oder ein Quartett zu komponieren… Es bedurfte der Gründung der Société Nationale de Musique durch Saint-Saëns 1871, damit ich mich an die Arbeit machte.“

Gabriel Fauré stammt aus Pamiers (Ariège) und gelangte bereits neunjährig an die Pariser École Niedermeyer. Als der Gründer und Namensgeber 1861 starb, übernahm Saint-Saëns die Klavierklasse, und zwischen Lehrer und Schüler entwickelte sich aus tiefster gegenseitiger musikalischer Wertschätzung eine Freundschaft, die ein Leben lang währte. Saint-Saëns wurde zum Mentor Faurés und nutze dessen erstes Kammermusikwerk, die Sonate in A-Dur für Violine und Klavier (1875/76), um ihn als Meister einzuführen, indem er schrieb:

„Die Leute, die nur wenig über Musik wissen, glauben für gewöhnlich, dass sich das musikalisch Wichtige im Theater ereignet, und dass die Instrumentalmusik belanglos sei. Indes hat sich eines der interessantesten Werke unserer Zeit außerhalb des Theaters vorgestellt, eine einfache und bescheidene Sonate für Klavier und Violine (…) Mit diesem Werk hat sich ein neuer Meister offenbart, der vielleicht der bemerkenswerteste von allen ist, denn er verbindet umfassendes Musikwissen mit einem Übermaß an melodischem Reichtum und einer Art unbewusster Unbefangenheit von schier unwiderstehlicher Kraft (…) Durch dieses Werk mit bescheidenem Auftreten hat sich Herr Fauré auf einen Schlag in die Riege der Meister eingereiht.“

Im Jahr 1884 legte Fauré sein erstes Klavierquartett vor, 1885 wurde er erstmals mit dem Prix Chartier bedacht und ab 1886 gelangten die meisten seiner Kammermusikwerke durch die Société Nationale zur Uraufführung. 1905 wurde er Direktor des Conservatoire – eine Sensation denn er hatte niemals dort studiert oder gar den Prix de Rome gewonnen. In seiner neuen Position überraschte Fauré durch Reformen, deren Radikalität und Entschlossenheit ihm den Beinamen „Robespierre“ einbrachten und einige ästhetisch rückwärts gewandte Professoren zur Demission trieben.

Obgleich Fauré schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts erkannt hatte, dass er eines Tages vollständig ertauben würde, gab er das Komponieren nicht auf und legte in der Folgezeit zahlreiche Lieder und Kammermusikwerke vor. Das erste Klavierquintett d-Moll op.89, welches er 1906 gemeinsam mit dem Quatuor Ysaye zur Uraufführung brachte, leitete nach allgemeiner Auffassung seinen „Reifestil“ ein. Nachdem er im Juni 1920 die Leitung des Conservatoire abgegeben hatte, widmete er die wiedererlangte freie Zeit dem Komponieren, und als ihn im Frühjahr des Jahres 1922 die Bitte des Durand-Verlags nach einem Klaviertrio erreichte, willigte er ein. Zunächst komponierte er im August und September den langsamen Satz, dessen früheste Fassung eine Klarinette statt der Violine vorsah, und vollendete das Trio op. 120 ein Jahr vor seinem Tod im Frühjahr 1923. Zu diesem Zeitpunkt hatte er das Gehör fast vollständig verloren und sollte nur noch ein Streichquartett komponieren.

Der instrumentale Satz des Trios op. 120 in d-Moll ist ungewöhnlich durchsichtig. Die beiden Streicher bewegen sich über weite Strecken im Unisono über einer schlanken Klavierstimme. Dem anmutig schwebenden ersten Satz folgt das Herzstück des Werks, ein großzügig angelegtes, inniges Andantino. Der dritte Satz beschließt das Werk virtuos mit einem Tanz gallischer Herkunft. Der Uraufführung in einem Konzert der Société Nationale im Mai folgte Ende Juni eine Vorstellung durch das Trio Cortot-Thibaud-Casals, deren Zuhörer fasziniert fragten: „S‘il vit jusqu’à cent ans, jusqu’où ira-t-il?“ – „Bis wohin wird er wohl gehen, falls er hundert Jahre alt wird?“

Lili Boulanger – „D’un soir triste“ und „D’un matin de printemps“

Zu den Freunden, die Gabriel Fauré an diesen Abenden vermisste, zählte neben seinem lebenslangen Förderer Camille Saint-Saëns, der im Dezember 1921 in Algier verstorben war, auch die junge Komponistin Marie-Juliette Olga (Lili) Boulanger (1893-1918), mit deren Familie er eng befreundet war, und die 1918 zwei Werke für Klaviertrio vorgelegt hatte. Die Tochter des Gesangsprofessors Ernest Boulanger (1815-1900) und jüngere Schwester von Nadia Boulanger (1887-1979) begleitete schon als Kind ihre ältere Schwester zum Kompositionsunterricht bei Gabriel Fauré. Er bewunderte die begabte Sechsjährige ob ihrer Blattlesekünste und ihrer schönen Singstimme. Nach Privatstudien bei Georges Caussade und Paul Vidal gewann Lili Boulanger 1913 als erste Frau überhaupt den Prix de Rome des Pariser Conservatoire.

Einen Eindruck ihrer Person vermitteln die Erinnerungen der Pianistin Cella Delavranceas (1887-1991) an ihre erste Begegnung mit Lili Boulanger. „Eines Tages, während meines Unterrichts in Harmonielehre bei ihrer Schwester Nadia, spürte ich eine (ganz) besondere Präsenz in der Erscheinung eines jungen Mädchens, das schlank, blass, mit einem unbewegten, ernsten Gesicht von unerbittlicher Schönheit vor uns stand. Diese Begegnung war für mich eine Offenbarung. Nichts an diesem Schicksal hat mich mehr erstaunt. Das Genie hat kein Alter. Es bewegt sich außerhalb der von den Menschen gemessenen Zeit, entweder ist es von Dauer oder von der Kürze eines Blitzstrahls.“

In der kurzen Zeit, die ihr bis 1918 vergönnt war, schuf Lili Boulanger ein Oeuvre, in dem Kompositionen für Stimme und Orchester überwiegen. Ihre Instrumentalmusik umfasst vor allem Klavierwerke, die alle vor 1914 entstanden sind. Nach einer vierjährigen Pause wandte Lili Boulanger sich 1918 erneut der Instrumental- und Kammermusik zu und komponierte mit D’un matin de printemps (An einem Frühlingsmorgen) und D’un soir triste (An einem traurigen Abend) zwei Werke für Klaviertrio, die zukunftsweisend waren.

Das Stück D’un soir triste erinnert an einen Klagegesang, in dessen Mitte ein Trauermarsch eingebettet ist. Die unerbittliche Hoffnungslosigkeit vereinnahmt den Zuhörer und lässt ihn geradezu existentialistische Gefühlstiefen durchleben, bevor das Stück mit einem einsamen Celloton erstirbt. Ähnliches thematisches Material führt in dem Stück D’un matin de printemps zu einer ganz anderen Aussage. Im Kontrast zu dem Stück D’un soir triste wird ein hoffnungsvoller Zauber der Natur heraufbeschworen. Mit strahlenden Streicherklängen und rhythmischen Klavierakkorden entsteht ein stürmisches, energiegeladenes Klanggemälde, das wie ein Triumph der Natur über die Zeit endet.

Die Wirren des Ersten Weltkrieges, der frühe Tod ihrer Schöpferin und der Umstand, dass sie aus der Feder einer Frau stammten, sind wohl die Ursachen für die geringe Verbreitung dieser Trios, zu deren Förderung sich die vorliegende Einspielung als expliziter Beitrag versteht.

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SACD

Boulanger Trio - 
Französische Klaviertrios

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