Booklettext: Boulanger Trio und Mathieu Kuttler

Schumann, Rihm

Als wir zu Jahresbeginn 2006 das Programm unseres ersten gemeinsamen Konzerts als Klaviertrio erarbeiteten, zog uns Wolfgang Rihms Fremde Szene III gleich in ihren Bann – und wir wuchsen schnell durch die Intensität der Arbeit an diesem Werk zusammen, das bereits im Titel auf Robert Schumann und inhaltlich auf sein letztes Klaviertrio verweist. So lag es nahe, das Trio Rihms bei der Programmgestaltung mit Robert Schumanns op. 110 zu verbinden, zumal die Komplexität und Vielschichtigkeit beider Werke gleichermaßen faszinierend ist. Mit Robert Schumann untrennbar verbunden ist Clara Schumann, die wir mit ihrem Klaviertrio g-Moll op.17 musikalisch an die Seite ihres Mannes stellen. 

Neben den persönlichen Bezügen zwischen den Komponisten gefiel uns an dieser Werkzusammenstellung besonders, dass nicht nur das kompositorische Konzept, sondern auch die Rolle der einzelnen Instrumente innerhalb der Werke sehr unterschiedliche Stilrichtungen der Trioliteratur repräsentieren.

So entspricht Clara Schumanns Trio einem musikalischen Geselligkeitsideal; als ausgewogenes, rundes Werk wird es von großer Musizierfreude getragen. Das Trio von Robert Schumann indes verkörpert eine neue Ästhetik. Es entstand für den Konzertsaal, ausgeführt durch virtuose Interpreten vor einem spezialisierten Publikum. Robert Schumann ist seinem kammermusikalischen Ideal von Freiheit und Unabhängigkeit der instrumentalen Behandlung hier wohl am nächsten gekommen.

Von den Trios aus Schumann’scher Feder unterscheidet sich Wolfgang Rihms Fremde Szene III bereits in der formalen Anlage: Als einsätziges Werk aus einem dreisätzigen Zyklus, kann es für sich genommen aufgeführt werden. Die Bezüge zum Schaffen Robert Schumanns und das Selbstverständnis als „Musik über Musik“ setzen eine gewisse Vorbildung des Publikums voraus. Es ist nicht für die Kammer komponiert, sondern für den großen Konzertsaal.

 

Clara Schumann, Trio g-Moll op. 17

Clara Schumanns Trio g-Moll op.17 entstand 1846. Das Ehepaar Schumann lebte in Dresden, wo am 8. Februar ihr viertes Kind Emil zur Welt kam. Robert Schumann litt zu jener Zeit wahrscheinlich unter einem erneuten Schub seiner Syphiliserkrankung und die Arbeit an seiner Sinfonie Nr. 2 C-Dur stockte. All diese familiären Belastungen konnten Clara jedoch nicht davon abhalten, ein erstes Kammermusikwerk zu schreiben, nachdem sie zuvor ausschließlich für ihr eigenes Instrument, das Klavier, komponiert und seit der Heirat vereinzelte Lieder vorgelegt hatte. Dass sie die Gattung des Klaviertrios wählte, wird darauf zurückgeführt, dass sie diese Besetzung in den häuslichen Kammermusikmatineen und –soireen schätzen gelernt hatte, die sie seit der Leipziger Zeit regelmäßig selbst ausrichtete.

Das Trio op.17 entstand binnen kurzer Zeit: Clara begann die Arbeit im Mai 1846 vor der Abreise nach Maxen und führte sie im Sommer fort, den sie in Maxen wie auf Norderney verbrachte. Kurz nach der Rückkehr nach Dresden vollendete sie das Werk am 12. September 1846 – ihrem sechsten Hochzeitstag und zugleich Vorabend ihres siebenundzwanzigsten Geburtstages.

Diese Hinwendung Claras zur Gattung des Trios erfolgte zu einem Zeitpunkt, da Robert noch kein Trio komponiert hatte. Als Vorbild dienten Clara die Trios von Felix Mendelssohn Bartholdy, insbesondere jenes in d-Moll, wie auch jenes seiner Schwester Fanny Hensel. Alle drei Werke weisen eine gemeinsame ästhetische Grundausrichtung auf.

Robert Schumann, Trio g-Moll op.110

Ganz anders verhält sich Robert Schumanns Trio g-Moll op.110, das erst 1851 in Düsseldorf entstand und Schumann als großen Experimentator zeigt. Auf den ersten Blick mutet die Form des Werkes konservativ an, doch was im ersten Satz wie eine Sonatenhauptsatzform erscheint, entpuppt sich als Aneinanderreihung von kleinen, rasch wechselnden Charakterstücken, vergleichbar der Kreisleriana op.16.

Die spröde Dichte des Trios, seine Stimmungsschwankungen und seine Zerrissenheit zwingen nicht nur das Publikum zu hoher Aufmerksamkeit, sondern stellen auch uns als Interpretinnen vor besondere Herausforderungen. Die Zerrissenheit des Werks spiegelt sich auch im Autographen wider, in dem Robert Schumann Teile durchstrich, doch wieder einfügte und oft von einem Einfall zum nächsten zu springen scheint.

Bei unserer Interpretation haben wir versucht, dieses Episodenhafte nicht zu kaschieren, sondern die verschiedenen Charaktere herauszuarbeiten, sie gleichwertig nebeneinander zu stellen und miteinander zu verbinden – gleichsam den Einzelstimmen, die oft völlig unabhängig voneinander agieren und doch sehr dicht miteinander verwoben sind.

Wolfgang Rihm, Fremde Szene III

Die drei „Fremden Szenen“ entstanden in den Jahren 1983-1985 in Paris: In seiner zweiten Schaffensphase gab Rihm den narrativ-wuchernden Stil seiner 1970er Jahre auf und bediente sich einer eher lakonisch-knappen Tonsprache, deren Knappheit im Ausdruck sich vor allem zu Beginn und Ende der dritten „Fremden Szene“ äußert.

Zum sprachlichen Verständnis des Werktitels gibt Rihm selbst Auskunft und schreibt, Fremd sei „von zwei Seiten bestimmbar. Fremd für den, der es betrachtet, der es hört. Fremd für den, der sich darin befindet. Fremd tritt plötzlich der Voyeur heran und bemerkt eine Szene, die ihm wiederum fremd ist.“

Die Besetzung des Klaviertrios setzt Rihm ausdrücklich in Bezug zu den Klaviertrios Robert Schumanns, wenngleich auf „das Porträt eines bereits erodierten Schumann, eines Schumann, an dem schon Spuren des Verfalls bemerkbar sind… natürlich eines musikalischen Schumann, nicht eines Körpers. Diese Stück ist durchaus auch Musik über Musik. Und der dritte Satz hat noch daran teil, lenkt aber dann doch den Blick weg, zusammengefasst und ziellos – auch zugespitzt.“

In seinen Überlegungen zur Besetzung erläutert Rihm zudem, er wähle das Klaviertrio „natürlich heute nicht als ein Mobiliar, in dem ich mich bewege, wie in anderen Räumen, sondern bewusst als ein erkennbar altes Mobiliar, das herein geschoben wird aus einer Zeit, in der es mal benutzt ward… Wenn ich heute für Klaviertrio schreibe, weiß ich sehr genau, dass das Klaviertrio ein anachronistischer Besetzungssessel ist. Deswegen finde ich das gar nicht schlecht, dass hier allein die Bühne sich schon so möbliert gibt. Dass die Dinge aufeinander prallen, Sitze in Stilformen, denen sie als Konstruktionen nicht mehr angehören; die Lampen in anderen Stilformen, die Notenständer, auch der einsame Notenständer hier in der Ecke…“

Auf der Bühne setzt die Fremde Szene III eine große Energie frei, ist kontrastreich und vielschichtig. Die Stimmen fügen sich so nahtlos zusammen, dass in den Interpreten das Gefühl erwächst, als ein einziges Instrument zu agieren. Der Anfang und das Ende sind ob ihrer Knappheit stellenweise sehr zerbrechlich und es ist faszinierend, den Klängen nachzulauschen, der Stille zuzuhören.

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SACD

Boulanger Trio -
Klaviertrios

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